EM statt AfD

WM 2006

EM statt AfD

Vor zehn Jahren kam ich im Juni von einer Neuseelandreise zurück, stieg in Berlin in die S-Bahn und dachte, ich bin im falschen Film. Statt Berliner Schnauz herrschte plötzlich ein fröhliches Hallo. Überall Ausgelassenheit. Ein freundliches Miteinander, man verständigte sich in unterschiedlichsten Sprachen, alle schienen gelöst und fröhlich. Es wurden Fahnen geschwenkt, Gesichter bemalt, seltsame Hüte getragen, Musik an allen Ecken und Enden. Was war los?
 
Die Welt war zu Gast bei Freunden. Und ich unerwartet mittendrin. Deutschland schwebte durch das Sommermärchen der Weltmeisterschaft. Fuhr man durch die Stadt, traf man unvermittelt auf Feste unterschiedlichster Nationalitäten, es wurde getanzt, gefeiert, gelacht und – natürlich – Fußball geschaut. Public Viewing stand für eine neue Art der öffentlichen Zusammenkunft, kaum einer wollte die Spiele alleine sehen, es zog einen raus auf die Plätze, in die Kneipen, auf die Wiese. Es gab Musik, Autokorsos, Partys, natürlich kollektiven Jubel oder kollektive Erschütterung je nach Abschneiden der eigenen Mannschaft. 
Aber eines gab es fast nie: Feindseligkeit, Aggressivität, Hass. Es ging weniger um das Siegen als um das gemeinsame Feiern. Deutschland zeigte sich als weltoffener, multikultureller Gastgeber. Lässigkeit und Heiterkeit galten bis dahin nicht als typisch deutsche Eigenschaften. Jetzt gingen Bilder um die Welt von einem Deutschland im Fahnenmeer, in dem Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religionen miteinander feierten. Ein neuer Patriotismus, der das Gegenteil war von Arroganz, Misstrauen und Abschottung. 
 
Und heute? Heute poppt Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit und irrationales „Wir sind das Volk“ an allen Ecken und Enden in Deutschland auf. Getarnt unter dem Namen „Alternative für Deutschland“… Bevorzugt dort, wo es gar keine Ausländer gibt. Was für eine Ironie! Ich sage ganz klar: Nein, das sind wir nicht! Deutschland kann anders. Deutschland ist anders. Deshalb wünsche ich mir sehr, dass wir zu dieser entspannten Haltung wieder zurückfinden. Uns nicht bedroht fühlen von „Fremden“. Wieder mehr Offenheit wagen und mehr Mut, aus Fremden Freunde zu machen.
Ich will ein Déjà-Vu. Ich will EM statt AfD.
Ihre
Elisabeth Scharfenberg
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