Was hat Pflege mit der Bundestagwahl zu tun?

Was hat Pflege mit der Bundestagwahl zu tun?

Am 24. September ist Bundestagwahl. Auf Wahlplakaten geht es um Gerechtigkeit, Sicherheit, Familie, Bildung, Umwelt, Digitalisierung und viele weitere Themen, die unsere Zukunft bestimmen. Und Pflege? Blenden wir das Thema kollektiv aus?  Dabei sind 56 Prozent der Bevölkerung schon über 50. Dabei ist es für uns alle wichtig, dass wir im Alter gut leben können und dass es Menschen gibt, die uns pflegen – und das unter menschenwürdigen Bedingungen.

Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat im Februar dieses Jahres eine Umfrage zum Thema Pflege und Bundestagswahl durchgeführt. Als Pflegepolitikerin hat mich das Ergebnis sehr gefreut: Für 43 Prozent der Wahlberechtigten spielt das Thema Pflege eine wichtige Rolle bei der eigenen Wahlentscheidung. Klingt für mich vernünftig. Pflege geht uns schließlich alle an und ist eigentlich keine Frage des Alters.

Wer pflegt uns im Alter?

Die Frage ist, wer pflegt mich, wenn ich Hilfe brauche? Jahrelang wurden Stellen in der Pflege abgebaut und es herrscht akuter Fachkräftemangel. Wer hat Zeit für mich, wenn ich alt bin? Die Minutenpflege ist in stationären Einrichtungen wie der ambulanten Versorgung gang und gebe. Wie sieht Pflege in Zukunft aus? Immer mehr Pflegekräfte sagen, dass sie so nicht mehr arbeiten wollen – mit der Stoppuhr am Pflegebett – weil sie den eigenen Ansprüchen an gute Pflege nicht mehr gerecht werden können. Das hat viel mit jedem von uns zu tun, ganz persönlich. Die Wahlbevölkerung hat die Bedeutung des Themas offensichtlich erkannt.

Im Februar, anlässlich der Veröffentlichung der ZQP-Umfrage, ging das Ergebnis wie eine Flutwelle durch die Fachmedien. Aus dieser Flut wurde sehr schnell wieder Ebbe.

Pflege ist entscheidend für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Es sollte uns zu denken geben, dass offensichtlich das Leben im Alter, Pflege und Pflegebedürftigkeit, Personalnot und der Umgang damit keine Wahlkampfthemen sind. Aber auch ansonsten wird Pflege und Pflegebedürftigkeit ja gerne ausgeblendet. Weisen wir Pflege weit von uns. Wollen wir Hilfsbedürftigkeit nicht an uns selbst heran lassen. Jeder will alt werden – aber niemand will alt sein. Deshalb sind ja auch die Alten in den einschlägigen Magazinen und Medien wunderschöne, strahlende Menschen. Eben mit weißem Haar und sympathischen Falten im Gesicht. Fit und selbständig und aktiv.

Pflege passt nicht in eine Hochglanzbroschüre. Und dennoch, sie gehört zu unserem Leben. Sie betrifft Junge und Alte. Sie betrifft uns in den Familien, unsere Eltern und Großeltern, und letztlich uns selbst. Gute Pflege für alle ist eine ebenso zentrale Forderung, wie die nach Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, nach Chancengleichheit, guter Familienpolitik und Maßnahmen gegen den Klimawandel. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Ich hoffe, in einer, die menschenwürdige Lebensbedingungen im Alter als wichtig anerkennt. Und die sich besonders gut um die Menschen kümmert, die auf Hilfe angewiesen sind.

Wir brauchen eine nationale Pflegestrategie.

In dieser Legislatur wurde eine Reihe von Pflegegesetzen verabschiedet, nach dem Motto „viel hilft viel“. Ist das so? Das muss ich in diesem Fall ganz klar verneinen. Es geht darum, was wirklich ankommt bei den Menschen. Es geht darum, ganz konkret die Arbeitsbedingungen der Pflegerinnen und Pfleger vor Ort zu verbessern und damit auch die Bedingungen, unter denen Menschen gepflegt werden.

Das Thema Pflege gehört ganz oben auf die Agenda. In der nächsten Legislaturperiode brauchen wir endlich eine nationale Pflegestrategie. Eine Pflegestrategie, die wirklich Chefinnen- oder Chefsache ist. Das ist eine zentrale Zukunftsfrage. Und in unser aller Interesse.

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